Es steht also wieder ein Tag auf der Autobahn an. Wir kennen es ja inzwischen. Die Sonne steht hoch, die Landschaft ist karg, die Autovía del Mediterráneo ist wenig befahren und der Caddy macht Meter. Man könnte fast sagen: Willkommen zu einem weiteren Tag in unserem Büro! Nun ist es ja so, dass bei weitem nicht alles super ist am technologischen Fortschritt unserer Zeit. Aber was sich wirklich als ein Segen auf langen Autofahrten mit Kindern herausstellt, ist die Tatsache, dass es inzwischen mobile Geräte der Unterhaltungselektronik gibt und dazu das mobile Internet in Süd-Spanien wirklich hervorragend ausgebaut ist. Wir können dem Nachwuchs auf der Rückbank des Caddys jedenfalls einen grundstabilen 5G-Hotspor anbieten um die Switch, das Tablett, die Toniebox oder das Handy quasi wie zuhause zu nutzen. Dies sorgt für Ablenkung im Caddy und für viele entspannte, geradezu harmonische Stunden auf der Autobahn. Das Einzige, um was wir uns wirklich kümmern müssen, ist der stabile Akkustand der Geräte, ansonsten kann die Stimmung schnell kippen. Und auf der begrenzten Anzahl von USB-Steckdosen im Caddy, kann das durchaus eine logistische Herausforderung werden.
Es dauert nicht lange, da passieren wir das Autobahnschild, welches uns in der Autonomen Region Andalusien willkommen heißt. Die Navi-App leitet uns kurz darauf weg von der Küste und es geht auf der A-91 in Richtung Granada im Landesinneren weiter. Wir sind die kargen spanischen Landschaften, zerklüftete Gebirgsketten und brütende Hitze ja inzwischen gewohnt. Die Landschaft, die sich nun aber rechts und links der Autobahn auftut, sprengt noch mal alle unsere Erwartungen. Wir rollen durch eine Filmkulisse von Western-Filmen. Wenn man es nicht besser wüsste, dann könnte man denken, dass wir inzwischen in der texanischen Wüste oder in der Steppe von Arizona angekommen sind. Eine kurze Recherche über Google ergibt, dass wir gerade durch die Wüste von Tabernas fahren. Dies soll die trockenste Region Europas sein und tatsächlich schon vielfach für Filmkulissen hergehalten haben. Neben „Lawrence von Arabien“, „Indiana Jones“ und „Spiel mir das Lied vom Tod“ entstanden auch die Filmaufnahmen für „Der Schuh des Manitu“ in der Region. Und selbst die Hip-Hop-Veteranen aus Hamburg-City von Fünf Sterne Delux waren schon vor Ort, als ihr Musikvideo zum Song „Die Kids sind okay“ entstand. Mit diesem neu erworbenen Wissen reiten wir auf unserem Caddy durch die Canyons der Desierto de Tabernas weiter, immer westwärts.
Irgendwann neigt sich die Tankanzeige ein weiteres Mal dem Ende entgegen. Wir steuern also die nächste ausgeschilderte Tankstelle an. Dafür müssen wir die Autobahn kurzzeitig verlassen und rollen zwischen schroffen, unbewachsenen Hügeln in der Wüste von Tabernas am Ende der Autobahnabfahrt auf eine kleine, unscheinbare Tankstelle. Es gibt nur zwei Zapfsäulen und eine kleine Baracke. Als wir aus dem Caddy steigen überkommt uns nicht nur die andalusische Hitze sondern sofort wieder das Gefühl, in einem Western-Film gelandet zu sein. Die Tanksäule lässt sich erstmal nicht bedienen und es ist auch niemand in Sicht, der uns weiter helfen könnte. Wir gehen also ratlos und etwas zögerlich auf die kleine Tankstellen-Baracke zu und haben dabei das Gefühl, uns einem fremden Western-Saloon zu nähern. Als wir näher kommen, sehen wir, dass auf einer überdachten Veranda neben der kleinen Bracke eine Person in einem Schaukelstuhl sitzt und einen Leder-Hut übers Gesicht gezogen hat. Passend zum Klischee dreht hinter der Veranda ein Western-Windrad im mäßigen Föhnwind quitschend seine Runden. Wie gesagt: Western-Film at its best. Wir sehen uns vorsichtshalber um, damit wir nicht zufällig in eine High Noon Schießerei geraten. Aber alles bleibt ruhig. Wir machen irgendwie auf uns aufmerksam worauf hin die Person im Schaukelstuhl, die sich als älterer Mann herausstellt, langsam den Hut aus dem zerklüfteten Gesicht zieht. Der kleine Mann steht langsam auf, eine schwarze Latzhose wird sichtbar, die er ansonsten oberkörperfrei trägt. Wir bedeuten ihm, dass wir tanken wollen. Er kommt auf uns zu, mustert uns aus seinem vom Leben gekennzeichneten Gesicht von oben bis unten. Er sagt kein Wort, kaut aber langsam auf einem Zahnstocher im Mundwinkel und wir befürchten Schlimmes. Er fragt nach einigen Momenten der Stille mit rauer, krächzender Stimme: „completo?“ Wir antworten mit einem entschlossenen „Sí!“ und er macht sich mit ruhigen Bewegungen an die Arbeit. Er schaltet die Zapfsäule mit seinen geschundenen Händen irgendwie an und befüllt unseren Caddy randvoll mit frischer Gasolina. Danach bedeutet uns der Mann wortlos, dass wir ihm in das kleine Gebäude folgen sollen. Es gibt an dieser Tankstelle nichts zu kaufen. Keine Getränke, keine Snacks, nicht mal Motorenöl. Zum Glück können wir wortlos die Tankfüllung mit Karte zahlen und der Mann von der Tankstelle erwidert unser herzliches „gracias y adiós“ mit eisigem Schweigen und einem Blick ins Leere während er weiter unbeirrt auf seinem Zahnstocher kaut. Als wir den Caddy kurz darauf in Bewegung setzen und zurück auf die Autobahn rollen, sind wir einigermaßen froh, dass wir hier ohne Saloon-Schlägerei und High Noon Duelle davon gekommen sind.
Wir starten einen Sendersuchlauf auf dem Caddy-Radio und bleiben bei einem Sender hängen, auf dem gerade „The Sun“ von Parov Stelar läuft und mit diesem Song, der ja irgendwie gerade zu uns passt, geht es weiter durch den Wilden Westen hier in Andalusien. Irgendwann passieren wir Granada aber unser Hoffnung, von der Autobahn einen Blick auf die riesige Alhambra einfangen zu können, erfüllt sich leider nicht. Wieder hadern wir kurz mit der Tatsache, dass wir auf unserer Reise an so vielen sehenswerten Wundern dieser Welt einfach vorbei fahren, erinnern uns aber kurz darauf wieder, welche Ziele wir noch vor Augen haben und lassen das Hadern dann schnell wieder sein. Wie gesagt: Man muss eben Kompromisse finden, zwischen Verweilen und Kilometer machen. Nach wie vor geht es durch spektakuläre Landschaften. Irgendwann dreht die Fahrtrichtung wieder straight Richtung Süden. Wir lassen die Wild-West-Landschaft hinter uns und steuern Malaga an. Noch so eine Destination, wo man wirklich verweilen könnte, aber wir wollen ja noch weiter in den Süden. Kurz hinter Malaga erblicken wir endlich das Mittelmeer wieder, welches nun zu unserer Linken eine wunderbare, stralend blaue Kulisse für unsere weitere Fahrt bietet. Wir machen noch mal einen kurzen Stopp, um den Kindern ein paar Sandwiches und Kekse zu besorgen, halten uns aber nicht lange auf und gleiten mit dem Caddy weiter durch den 38 Grad heißen Süden Spaniens. Die Verkehrsbeschilderung ist inzwischen zweisprachig: Neben Spanisch wird nun auch alles auf Arabisch ausgeschildert. Immer wieder werden rechts der Straße günstige Fähr-Tickets beworben, für die Überfahrten nach Marokko, die von allerlei Häfen angeboten werden.


Auf der Autobahn sind nun Fahrzeuge mit französischen Kennzeichen eindeutig in der Überzahl. Viele dieser Fahrzeuge sind auf großen Dachgepäckträgern, beeindruckend bis abenteuerlich beladen. Wir vermuten marokkanisch-stämmige Franzosen auf ihrem Weg in die Sommerferien. Vor Marbella sind beeindruckende Motoryachten auf dem Mittelmeer unterwegs und wir ziehen weiter westwärts. Inzwischen empfangen wir marokkanische Radiosender und arabische Dance-Beats heizen uns kräftig ein. Irgendwann zeigt die Navi-App eine Vollsperrung mit Stau voraus an und leitet uns von der Autobahn ab. Es geht über wenig befahrene Landstraßen weiter. Inzwischen hat sich die Vegetation da draußen wieder verändert. Es ist nun deutlich mehr grün zu sehen. Weite Viehweiden, kleine Flussläufe und riesige Gewächshäuser säumen die Straße. Neben der Straße verläuft eine Hochspannungsleitung und der Anblick, der sich uns bietet lässt uns staunen! Auf jedem der Hochspannungsmasten haben Weißstörche ihre Nester gebaut. Und zwar nicht nur ein Nest oder zwei Nester, nein wir zählen bis zu 11 Nester pro Mast. Wir sind aus unserer Brandenburger Heimat ja durchaus mit dem Weißstorch vertraut, aber sowas haben wir noch nicht gesehen. Überall segeln die großen Vögel rechts und links der Straße. Auch auf den Wiesen riesige Kolonien der stolzen, weißen Vögel. Die Andalusier müssen sich vor lauter Babys kaum retten können, wenn man die Störche-Population da draußen sieht. Der marokkanische Radiosender ist inzwischen nicht mehr störungsfrei zu empfangen und da sich von der Rückbank Ungeduld bemerkbar macht, einigen wir uns darauf, ein Bibi-Blocksberg-Hörspiel für die letzte Reise-Stunde des Tages an zu machen. Und während wir irgendwann wieder zurück auf die Autovia geleitet werden und Bibi Blocksberg in unserem Hörspiel auf ihrem „Kartoffelbrei“ durch die Lüfte saust, tut sich vor uns am Horizont ein riesiger Felsen auf. Wir wissen es sofort: Gibraltar ist in Sicht! Wir hätten diese britisch Exklave gerne besucht und uns gerne selber davon überzeugt, ob es hier wirklich die einzigen wild lebenden Affen Europas gibt. Da aber nicht alle von uns einen gültigen Reisepass dabei haben und die Sachen ja nun nach dem Brexit vor einigen Jahren nicht gerade leichter wurden, scheitert unser Vorhaben an den britischen Einreisebedingungen. Schade eigentlich, man hat es wirklich zu schätzen gelernt, einfach mit dem Personalausweis quer durch Europa reisen zu können. Aber sei es wie es sei: Wenn wir schon mal hier unten sind, dann wollen wir jetzt auch wirklich den südlichsten Punkt Kontinentaleuropas besuchen. Und der liegt nun mal in der südlichsten Stadt Europas, in Tarifa. Und dies ist unser Tagesziel für heute. Hinter Gibraltar und Algeciras wird die Autobahn einspurig und geht irgendwann in eine viel befahren Bundesstraße über. Es geht nun zäh voran. Ampeln bremsen uns aus, der dichte Verkehr staut sich. Auf der Navi-App werden die Kilometer zwar langsam weniger, dafür schiebt sich die Ankunftszeit immer weiter nach hinten. Aus 15 Uhr wird irgendwann 16 Uhr Ankunftszeit. Wir nutzen die Zeit, um uns auf dem Mobiltelefon nach einer Übernachtungsmöglichkeit umzuschauen. Und da in unserer Online-Suche vieles darauf hin deutet, dass die Campingplätze in Tarifa ausgebucht oder viel zu weit außerhalb sind, entsteht der Plan, für heute nach einem Hostal Ausschau zu halten. Auf „booking“ stoßen wir schließlich auf das „Hostal Las Magaritas“, welches uns ein solides Vierbett-Zimmer in zentraler Lage in Tarifa, zu einem sehr fairen Preis anbietet. Wir klicken auf „buchen“ und sind gespannt, ob das jetzt alles wirklich so problemlos geklappt hat. Es geht weiterhin schleppend voran auf der Straße Richtung Tarifa. Hinter einer Felsenkuppe liegt plötzlich das Mittelmeer wieder vor uns und es ist das andere Ufer in Sicht. Dort drüben tun sich hohe Berge auf. Das muss Marokko sein. Afrika ist in Sicht! Wir haben Gänsehaut. Mit diesem Ausblick nehmen wir auch den dichten, zähfließenden Verkehr gerne in Kauf. Und irgendwann erreichen wir das Ortseingangsschild von Tarifa. Vor uns liegt ein kleiner, überschaubarer Ort, die südlichste Stadt Europas. Wir haben sie wirklich erreicht. Wahnsinn!






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